Dienstag, 9. April 2019

Die Herbstfrau und ihr etwas anderer Lebenslauf


10 JAHRE TINNITUSBLOG- EIN RÜCKBLICK

 Vom Frühlings-Mauer-Blümchen zur Herbstfrau
 Die ersten 30 Jahre (1945 bis 1975):

Kindheit mit Essstörungen, Schulanfang mit Lernproblemen. Angst vor allem, besonders vor anderen Kindern. Ich finde mich hässlich. Ich werde ausgelacht. Man ruft mich: Brillenschlange, Bohnenstange. Ich versuche zu glauben, dass mich trotzdem jemand mag, verkrieche mich aber immer mehr in mich selbst. Ich lasse keinen an mich heran. Mein Ziel: Schnell erwachsen werden, dann wird alles anders, besser, leichter. Vom Alter her bin ich erwachsen geworden, losgelassen auf die Menschheit als: Studentin, Lehrerin, Ehefrau, Mutter, Tochter. Ich fühle mich vielem nicht gewachsen. Alle Pflichten zu erfüllen, es allen recht zu machen, erscheint mir schwer. Doch ich muss es schaffen, dann werde ich vielleicht mehr geliebt?!? Schier unmöglich, aber Ich muss!  Verlust unserer kleinen Tochter, die Welt bleibt stehen. Trauer bestimmt mein Leben. Schuldgefühle verdrängen. Habe ich als Mutter versagt? Ich muss Ängste überwinden. Ich muss an mich glauben. Ich muss das Geschehene akzeptieren. Allein, die Versuche bleiben ergebnislos. Dennoch bemühe ich mich weiterhin, in allen Lebenslagen perfekt zu sein. Ich kann kein Lob annehmen, weil ich mich selbst nicht annehmen kann. Ich bin es nicht wert, gelobt zu werden.  Der Tinnitus stellt sich ein, und mit ihm andere Befindlichkeitsstörungen. Was sollen diese Geräusche bedeuten? Ich kann sie nicht ertragen...

Die nächsten 20 Jahre (1976 bis 1996):
 Noch habe ich es nicht begriffen; weiter geht mein Streben nach Perfektion als Mutter, Ehefrau, Lehrerin, Tochter, Großmutter, Freundin, Nachbarin. Krankheiten von Kopf bis zu den Füßen. Es gelingt mir immer weniger, allen Anforderungen, die ich selbst (ach?) an mich stelle, gerecht zu werden. Täglich vergebliche Versuche, die Trauer zu verdrängen. Angst davor, doch in irgendeiner Weise am Tod Sabines schuld zu sein. Ich habe damals nichts gehört. Eine gute Mutter hört doch, wenn ihr Kind schreit! Hat es geschrien? Ich werde noch verrückt darüber. Ich will nicht immerzu weinen. Heulsuse! Jammerlappen! Vielleicht muss ich „es geschehen lassen”? Bachblüten helfen. Endlich fließen die Tränen. Psychotherapie wird von mir angenommen. Ich rede, weine, schreie, rede, weine, schreie, tage- und nächtelang. Ich will aus meiner Haut heraus. Es gelingt mir nicht. Ich muss lernen, mich anzunehmen. Wie? Der Tinnitus wird stärker. Er will mir etwas sagen...
  
Die vergangenen Jahre (1997 bis 2019):

Ich bin Schritt für Schritt aufgewacht. Ich lasse Trauer und Freude zu. Ich glaube an mich. Ich kann mich im Spiegel anschauen. Ich nehme mich und den Tinnitus an. Er ist mein Helfer. Ich deute seine Töne für meinen ganz persönlichen Weg. Ich denke positiv. Ich lasse es geschehen. Ich finde meine Intuition, mein „inneres Kind”. Ich mag mich. Ich bin meine beste Freundin. Ich verzeihe mir. Ich verzeihe allen, die mir bewusst oder unbewusst wehgetan haben. Ich kann Nein sagen. Ich kann laut werden. Ich kann meine Kreativität zulassen. Ich male, ich schreibe, ich bin...  

..natürlich mit diversen Rückfällen 💗😄😏😏
 Regina Sehnert alias Anabella Freimann im Dezember 2010

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